Eilmeldung – Knigge-Reform: Arschloch-Manieren werden salonfähig

Tagebuch

Eilmeldung – Knigge-Reform: Arschloch-Manieren werden salonfähig

Good News! Sich wie ein Volldepp zu verhalten, ist ab sofort offiziell legitimiert.

Längst überfällig, passt sich der Knigge-Ratgeber den gewandelten Bedürfnissen unserer Gesellschaft an.

Die Redaktion des Knigges, also des ultimativen Ratgebers, wo es um gutes Benehmen und korrekte Umgangsformen geht, hat lange mit sich gekämpft, in welchem Umfang sie den radikal veränderten gesellschaftlichen Bedingungen Rechnung tragen muss. Nun ist die Entscheidung gefallen, denn in der neuesten Knigge-Ausgabe ist erstmalig das sogenannte „Vollhorsttum“ als empfohlenes Verhalten aufgeführt.

Gute Neuigkeiten für Deppen, und alle, die es werden wollen.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die guten alten Zeiten, wo Rücksichtnahme, Toleranz, Freundlichkeit und gegenseitige Unterstützung, essentielle Bestandteile der hiesigen Gesellschaft waren. Als Diskussionen noch konstruktiv geführt wurden, und es eine akzeptierte Sache war, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben dürfen. Man begegnete sich im Austausch auf Augenhöhe und mit dem nötigen zwischenmenschlichen Respekt. Unverschämtes Verhalten und Pöbeleien waren Einzelfälle.

Bitte jetzt nicht nostalgisch werden und anfangen zu weinen.

Aber ernsthaft, können Sie sich noch dunkel daran erinnern, wie gerne man früher anderen glücklich dreinschauenden Menschen den Vortritt in einer lange Supermarktschlange gelassen hat, und einen das positive Gefühl – nach einem netten Wort des Dankes – hinterher förmlich übermannte? Wie man von der damals positiven Stimmung, den freundlich grüßenden Menschen und den netten Umgangsformen in unserem schönen Land, sich energetisch beflügelt, in kaum auszuhaltendem Glück suhlte?

Wahrscheinlich basteln Sie gerade an heimlich an einer Zeitmaschine, denn mit dem netten Miteinander ist schon länger Schluss und dem Knigge laufen daher schon seit Jahren die Leser davon. Eine zeitgemäße Korrektur war also mehr als überfällig und die Redaktion und der Verlag sind sich sicher, mit der aktuellen Neuauflage einen echten Kassenschlager an den Start zu bringen. „Platz 1 der Bestsellerliste ist das Minimalziel“, so der Verlagschef selbstbewusst. Selbst der Name des Ratgebers wird modern und verkaufsfähig angepasst, denn der Titel lautet nun:

Deppsein für Anfänger und Fortgeschrittene: So werden Sie zu einem fabelhaften Vollhorst und holen den allerletzten Mist aus sich raus!

Shit sells, ein alter Marketingspruch, der wohl nie aktueller war als heute und gerade für die Verlagsbranche in zunehmendem Maße zutrifft. Besonderer Augenmerk in der Neuauflage liegt übrigens auf der kompletten Umarbeitung der Textinhalte, denn kein Themenpunkt hat in der neuesten Ausgabe mehr als 280 Zeichen und korrespondiert damit im Umfang mit einer Textlänge, die man Menschen im Jahr 2019 maximal noch zumuten kann. Man passt sich mit der signifikanten Kürzung neuesten Forschungsergebnissen an, was die Aufnahmefähigkeit von komplexen Textbestandteilen und der durchschnittlichen Konzentrationsfähigkeit der Leser angeht.

Weniger langatmige Theorie, sondern praktische Tipps und Anregungen für den Depp von heute stehen im Vordergrund:

Verstreuen Sie Ihren Müll überall in der Welt, ganz einfach so wie es Ihnen gefällt. Den Plastikmüll gemütlich in die Biotonne rein, ach wie ist das Leben fein. Behindertenparkplätze sind für alle da, auch wenn eigentlich nur im Kopf eine Schraube locker war. Alles prima und kein Ding, denn jeder macht nun einfach, was er will. Altglas und Kleidung neben den Containern machen riesig viel Spaß, denn richtig schön ist es doch erst, wenn überall das Chaos herrscht.

Das Eigentum von anderen schert Sie einen Dreck, und was Ihnen gefällt, nehmen Sie einfach ungefragt mit. Menschen in Not interessieren Sie nicht und wenn einer am Boden liegt, dann gibt es noch einen Hieb. Von anderen nehmen ist so richtig Ihr Ding, nur mit dem Geben hapert es, aber nur so wird man King. Am liebsten for free, also gerne für umme, ist ab sofort für alle, und nicht nur für Dumme.

Auch vor dem Internet macht der neue Knigge nicht Halt, was natürlich besonders die Social-Media-Plattformen betrifft.

Der Rock zu kurz der Hintern zu dick, wird heute kommentiert, mit nur einem bösen Klick. Keine Reise zu fern, die Tasche bitte teuer genug. Man zeigt was man hat, egal ob Lug oder Trug. Sie essen vegan und die Welt soll das wissen? Facebook ist „the Place to be“, für geistig degeneriertes Mimimi. Der Ausländer um die Ecke kratzt Ihnen täglich die Butter vom Brot, dann treffen Sie Alice and Friends und hetzen gemeinsam im Netz. Sie können alles besser, total befreit von Wissen, bitte trollen Sie herum, jetzt ganz ohne schlechtes Gewissen.

Die Liste an Verhaltenstipps aus dem neuen Knigge könnte hier endlos fortgesetzt werden, aber natürlich sollen Sie das Buch kaufen. Dafür veröffentlicht der Verlag schließlich den Schrott.

Bisher war es geächtet und eher peinlich, die eigene Dummheit ungefiltert und öffentlich zur Schau zu stellen. Ab heute ist jedoch jeder noch so maue geistige Tiefschlag total gekniggert, denn ein unreflektierter Motzkopf zu sein, ist kein trauriges Einzelschicksal mehr, sondern trendiger Lifestyle für die breite Masse geworden.

Natürlich wird der neue Knigge nicht alle Menschen erreichen und abholen, und nicht jeder wird zum Deppen mutieren wollen und können. Wie immer in der Natur findet ein Selektionsprozess statt und wir werden aufmerksam verfolgen, ob vielleicht irgendwann der Knigge wieder umgeschrieben werden muss, weil alte Werte wie Menschlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, gegenseitiges Verständnis und Respekt wieder das Ruder übernehmen. Ich bin mir sicher, die Knigge-Redaktion steht in diesem Fall gerne für eine erneute Neuauflage bereit.

Mehr Informationen zum neuen Knigge-Kodex gibt es heute Abend ab 20:15 Uhr mit einem mehrstündigen Themenschwerpunkt auf Arte.


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